BILDER FONTANES GEGEN DEN TOD. ›L'ADULTERA‹
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Bildquelle: www.rositour.it/Arte/Tintoretto/Tintoretto.htm
lungen
L'Adultera (1882) und Schach von Wuthenow (1882)
einander denkbar fern. In kryptischer Lesart
freilich ist zu erkennen, daß Fontane hier sukzessive zu
seinem gewagtesten Modell der Verstecksuche
gefunden hat, zur (sexualsymbolisch verschlüsselten)
Zuflucht in den Mutterleib.
Wie
in keinem der Ehebruchsromane Fontanes wird in L'Adultera der
zentrale Konflikt schon gleich in der Eröffnung derart massiv
und schon beleidigend präsentiert, wenn der Kommerzienrat seiner
Ehefrau zur Einweihung in das van der Straatensche Hausgesetz"
die soeben angelieferte Kopie von Tintorettos
Ehebrecherin präsentiert: "Die beständige Vorstellung
des Todes nimmt auch dem Tode schließlich seine Schrecken.
Und sieh, Lanni, so will ich es auch machen, und das Bild soll
mir dazu helfen ... Denn es ist erblich in unserm Haus".38
Der Buchtitel L'Adultera zielt nicht bloß auf das einfache
Verhältnis von (Vor-)Bildhaftem und von Nachfolge ab,
vielmehr auf eine Ästhetisierung des Ehebruchs selbst, die
diesen und ebenso die Zeit der Schwangerschaft geradezu zu
einer Komposition werden läßt. Die immer
wieder zwischen geistreichem Zynismus und Rechthaberei
schwankenden Mutwilligkeiten des
Ehemanns und millionenschweren Liebhabers von Gemälden folgen
einem stilvollen Reglement, so wenn das erste
Diner in dem als Speisesaal dienenden Vorzimmer der
Gemäldegalerie wie in einem Refektorium und zugleich
lebemännisch dominiert wird von einer Hochzeit zu Cana39
(nach Veronese) sowie von zwei veristischen Stilleben mit Hummer
und Fisch: Schon bald steuern in diesem Saal van der
Straatens Anzüglichkeiten auf sein Lieblings- oder vielmehr
Hausthema der dubiosen Schwangerschaft zu,
ereifert er sich über die "warmen Madonnen",
"all diese spanischen Immaculatas und
Concepciones, wo die Mutter Gottes auf einer Mondsichel
steht ... Und so blickt sie brünstig oder sagen wir lieber
inbrünstig gen Himmel, als wolle die Seele flügge werden in einem
Brütofen von Heiligkeit."40
Auch in "Löbbekes Kaffeehaus" in Stralow ist es das
Gemälde einer – vermeintlichen –
Schwangerschaft, Pilotys Thusnelda im Triumphzug des
Germanicus, das der Gemäldesammler
zum spöttischen Vergleich der Wirtin und ihres Söhnchens
herbeizitiert: "Bei Piloty gibt sich Thumelicus
noch als ein Werdender, während wir ihn hier bereits an
der Schürze seiner Mut-
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38
N IV, 88 bzw. 14
39
"Die Darstellung der Hochzeit
von Cana
vermittelt die bildgewordene Darstellung von der unter Christi
Segen geschlossenen und durch das Zeichen der
Verwandlung von Wasser in Wein noch befestigten Ehe. ... Für
Melanie, die das Bild stets direkt vor Augen hat, wenn sie aus ihrem
Zimmer tritt, vermittelt es als eine Art 'Predigt'
den Anspruch auf die Erhaltung dessen, was das Bild
moralisch vorgibt." Winfried Jung,
Bildergespräche.
Zur Funktion von Kunst und Kultur in Theodor
Fontanes 'L’Adultera',
Stuttgart 1990, S. 94
40
N IV, 27