Home
Impressum
Ruth Fleigs Galerie
Schulkinder malen
Kritzel-Kratzel
Horst Fleigs Texte
I  Philosophica
II  Reiseberichte
III Zu Wim Wenders
IV Film und Kindheit
V Mitschüler/Schulen
VI Germanistisches
A DER ALTE GOETHE
Briefpartner
Briefkunst
Gesprächspartner
Goethes Tagebuch
Schatten des Todes
Ausg. letzter Hand
Weltliteratur
Geistig vereinsamt
Sekretieren
Erinnerungsschocks
Sich-historisch-Sein
›Warte nur, balde‹
Kollektivwesen Genie
Hypsistarier Goethe
B ZU THEODOR FONTANE
Grete Minde
Ellernklipp
Unt. Birnbaum. Quitt
L'Adultera
Schach von Wuthenow
Gegenzeitigkeit
Zur Stechlin-Fontäne
C ZU »BONAVENTURA«
Literar. Identität
Mikrostilistik
Exlusionsphase
›Memnon‹-Nacht
Name und Maske
D ZU AUG. KLINGEMANN
Kandidatenreigen
Sprachstatistiken
K-s Artikel und ›Nw‹
Datierungstabelle
Arnims Nachtwache
Nacht bei Klingemann
Pseud. Bonaventura
Demiurg Shakespeare
Maske »Bonaventura«
»Parallelen«-Debakel
Mimetisches Genie
Prometheus Theater
Braunschweiger Vita
Vampirismus
Zwei Lieblingsorte
Collegium Medicum
Freigeist Lessing
Mentor Eschenburg
Alessandro-Kreuzgang
Postskripta 2011


GOETHES LETZTES JAHRZEHNT. GENIE ALS KOLLEKTIVWESEN. ENTELECHIE

________________________________________________________________________________________ 


Bildquelle: NFG Weimar


geistiges Ei­gentum reklamierenden Plagiatsvorwürfe ab und pocht ins­besondere auf das Recht des Dich­ters, sich alles je Gesagte und Gedachte anzueignen. Ja, allen selbstvergötzenden An­sichten von Ori­gi­na­li­tät setzt er sei­ne Auf­fas­sung entgegen, daß das Genie als höchste Manifestation des Individuums sich we­sent­lich durch sei­ne Fä­hig­keit be­stimmt, sich die Kennt­nisse und Leistungen der anderen energisch an­zu­eig­nen. Auch die­sen Ge­dan­ken hat Goe­the am luzidesten wie­der kurz vor seinem Tode dargelegt, im Ge­spräch vom 17.2.1832 mit So­ret. Nach sei­nem Plä­doy­er für Mi­ra­beau, des­sen um­strit­te­ne Praxis, die Ein­fäl­le und Pro­gram­me sei­ner Mit­ar­bei­ter für die eigenen Zwecke zu benutzen, für ihn gerade das Kenn­zei­chen sei­ner ge­ni­a­len Be­ga­bung ist, folgt die gran­di­o­se Erklärung:


     »Was bin denn ich selbst? Was habe ich denn gemacht? Ich sammelte und benutzte alles was mir vor Au-

      gen, vor Ohren, vor die Sinne kam. Zu meinen Werken haben Tausende von Einzelwesen das ihrige beige-

     tragen, Toren und Weise, geistreiche Leute und Dummköpfe, Kinder, Männer und Greise, sie alle kamen

    und brachten mir ihre Gedanken, ihr Können, ihre Erfahrungen, ihr Leben und ihr Sein; so erntete ich oft,

   was andere gesäet; mein Le­benswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe.«


Das Individuum gewinnt hiernach in seiner höchsten Ent­faltung überindividuellen Rang, vermag die Le­bens­er­fah­run­gen ungezählter Individuen in sich aufzunehmen und dabei zur Reife zu bringen - freilich as­si­mi­liert, in ei­ne neue Ein­heit überführt, erhalte und steigere doch das Genie in diesen An­eig­nungs­pro­zes­sen sei­nen Cha­rak­ter oder die sei­nem Dai­mon ent­sprechende »Grundbestimmung« (wie er noch am 17.3.1832 W. v. Hum­boldt darlegt). Wir streifen hier unversehens Goethes alten Glauben an die »En­te­le­chie«, die in­di­vi­du­el­le see­li­sche Kraft, die, unsterblich, zu ihrer Vervollkommnung immer neue Ver­bin­dun­gen ein­ge­hen müs­se, da­bei schwächere »entelechische Monaden« in ihren Bann ziehe, ihrerseits aber auch ei­ner mäch­ti­ge­ren Haupt­mo­na­de un­ter­ge­ord­net werden könne. Die Möglichkeit ei­ner bloß energetischen Un­sterb­lich­keit ein­mal un­ter­stellt, scheint es je­doch für Goethe selbst fraglich geblieben zu sein, inwiefern bei all den Me­ta­mor­pho­sen der Mo­na­den, ihr­en Rangkämpfen und Abhängigkeiten (vom eigenen Kör­per, von an­de­ren Le­be­we­sen oder gar Gestirnen) noch sinnvoll von Individualität zu sprechen wäre (vgl. da­zu die Anm. zu Rie­mers Ta­ge­buch­eintrag vom 25.11.1824).


In seinem Glauben an die über die Zeiten hin wirksame hohe Individualität sieht sich Goethe im Alter vor al­lem durch die »Tüch­ti­gen« be­stärkt, die ihrer Zeit oft zum Opfer fallen müßten. Er bezeichnet diese Min­der­heit, die man eben­falls mit dem »kol­lektiven« Zug des Genies begabt denken muß, im Brief vom 18.6.1831 an Zel­ter auch als »die Ge­mein­schaft der Hei­li­gen, zu der wir uns be­ken­nen«, denen man ein 


- 31 -

Zurück




Besuch Ludwigs I. von Bayern bei Goethe am 28.8.1825, rechts Großherzog Karl August

Zeichnung des anwesenden Theologiestudenten E. L. Th. Henke (im Brief an seine Mutter)
Top
http://www.fleig-fleig.de/