Home
Impressum
Ruth Fleigs Galerie
Schulkinder malen
Kritzel-Kratzel
Horst Fleigs Texte
I  Philosophica
II  Reiseberichte
III Zu Wim Wenders
IV Film und Kindheit
V Mitschüler/Schulen
VI Germanistisches
A DER ALTE GOETHE
Briefpartner
Briefkunst
Gesprächspartner
Goethes Tagebuch
Schatten des Todes
Ausg. letzter Hand
Weltliteratur
Geistig vereinsamt
Sekretieren
Erinnerungsschocks
Sich-historisch-Sein
›Warte nur, balde‹
Kollektivwesen Genie
Hypsistarier Goethe
B ZU THEODOR FONTANE
Grete Minde
Ellernklipp
Unt. Birnbaum. Quitt
L'Adultera
Schach von Wuthenow
Gegenzeitigkeit
Zur Stechlin-Fontäne
C ZU »BONAVENTURA«
Literar. Identität
Mikrostilistik
Exlusionsphase
›Memnon‹-Nacht
Name und Maske
D ZU AUG. KLINGEMANN
Kandidatenreigen
Sprachstatistiken
K-s Artikel und ›Nw‹
Datierungstabelle
Arnims Nachtwache
Nacht bei Klingemann
Pseud. Bonaventura
Demiurg Shakespeare
Maske »Bonaventura«
»Parallelen«-Debakel
Mimetisches Genie
Prometheus Theater
Braunschweiger Vita
Vampirismus
Zwei Lieblingsorte
Collegium Medicum
Freigeist Lessing
Mentor Eschenburg
Alessandro-Kreuzgang
Postskripta 2011

MERLIN ODER DER ALTE GOETHE
DIE LETZTEN JAHRE 
(1823-32)

________________________________________________________



Reihe einer dorther sich spinnenden Erinnerung möchte einen fast grauen, wäre man nicht nach einem so wei­ten überschifften Zeitraum doch noch bei sich selbst«, schreibt er Anfang Oktober 1824 seinem alten Sturm-und-Drang-Ge­fähr­ten Klinger. Sogar diese tröstliche Gewißheit, bei sich selbst geblieben zu sein, schwin­det da­hin, nicht zu­letzt da­durch, daß nun offenbar auch das Gedächtnis öfter versagt. Als er den Ein­druck wie­der­gibt, den die Lek­tü­re sei­nes Brief­wech­sels mit Schiller auf ihn mache, heißt es noch un­be­stimmt: »Mir ist es da­bei wun­der­lich zu Mu­te, denn ich er­fah­re was ich einmal war« (30.10.1824 an Zel­ter). Am 3.7.1830 schreibt er an Bois­se­rée über sei­ne al­ten Re­zen­si­o­nen in den ›Frankfurter gelehrten An­zei­gen‹ und in der ›Je­na­i­schen All­ge­mei­nen Literatur-Zeitung‹: »ich komme mir selbst darin oft wun­der­bar vor, denn ich er­in­ne­re mich ja nicht mehr daß ich diesem oder jenem Werke, dieser oder jener Per­son zu sei­ner Zeit ei­ne sol­che Auf­merk­samkeit ge­schenkt; ich erfahr es nunmehr als eine entschiedene Neu­ig­keit«.

 

Goethe hat eine eigene Bezeichnung für das Sichfremd­werden gefunden: ›Sich-selbst-historisch-Werden‹. Die­se Formel, die er auch leicht abgewandelt gebraucht, wird von ihm nur beiläufig, nur im Zusammenhang mit sei­nen übri­gen Le­bens­verhältnissen kommentiert. »So gesteh' ich gern«, erklärt er im Brief vom 1.12.1831 W. v. Hum­boldt, »daß in mei­nen ho­hen Jahren, mir alles mehr und mehr historisch wird: ob et­was in der ver­gan­ge­nen Zeit, in fer­nen Rei­chen, oder mir ganz nah räumlich im Augenblicke vorgeht, ist ganz eins, ja ich er­schei­ne mir selbst im­mer mehr und mehr ge­schichtlich«. In den späten Maximen und Re­fle­xi­o­nen Aus Ma­ka­ri­ens Arc­hiv(Wanderjahre) hat er wieder einmal von der eigenen Befindlichkeit ab­stra­hiert, da­bei aber eine wichtige Konsequenz deutlicher ausgesprochen: »Sogar ist es selten, daß je­mand im höch­sten Al­ter sich selbst hi­sto­risch wird, und daß ihm die Mit­le­ben­den hi­sto­risch wer­den, so daß er mit nie­man­den mehr kontrovertieren mag noch kann.« Diese unpolemische Haltung und ihre tie­fe­ren Grün­de ken­nen wir schon; und auch im jet­zi­gen Kon­text, durch die vor­auf­ge­hen­de und nach­fol­gen­de Ar­chiv-Ma­xi­me, wird zum Stich­wort »historisch« die Einsicht vorge­bracht, daß ein jeder nur nach sei­ner ei­ge­nen Wei­se den­ken kön­ne und daß darum alle Bekehrungsversuche fruchtlos bleiben müß­ten. Im Ana­lo­gie­schluß, den wir nach al­lem zu zie­hen haben, wäre dann ›Sich-selbst-historisch-Wer­den‹ das sel­te­ne Le­bens­ge­fühl, daß die ei­ge­nen frü­he­ren Lebensab­schnitte ihr Eigenrecht behaupten und ei­nem selbst nicht mehr angehören; daß man wie gegenüber den Zeitgenossen sich selbst gegenüber ge­wis­se Prä­mis­sen zu res­pek­tieren hat, die nicht mehr mit spä­te­ren zu ver­ein­baren sind und darum die Ver­stän­di­gung mit sich selbst kaum mehr sinnvoll er­scheinen lassen. Als Empfindung kann dies schon bei jün­ge­ren Men­schen an­klin­gen, man mag ja sogleich an Hof­mannsthals Terzine Über Vergänglichkeit den­ken (»Und daß mein eig­nes Ich, durch nichts ge­hemmt,| Herüberglitt aus einem kleinen Kind| Mir wie ein Hund un­heim­lich stumm


- 26 -

Weiter
Top
http://www.fleig-fleig.de/