Home
Impressum
Ruth Fleigs Galerie
Schulkinder malen
Kritzel-Kratzel
Horst Fleigs Texte
I  Philosophica
A ZUR ANTHROPOLOGIE
Sloterdijk-Habermas
Pico della Mirandola
Michel de Montaigne
J. G. Herder
Max Scheler
Helmuth Plessner
Rück- und Ausblick
B ERINNERUNGSBILDUNG
Schock der Rückkehr
Erinnerungsautomatik
Wuchernde Phantasie
Seel. Raumpositionen
Sprache und Erinnern
Besuch als Korrektiv
Identitätsfragen
Steuernde Phantasie
Über das Vergessen
Biogr. Stimmigkeit
Proust. Doppelgänger
Psychobiologisches
II  Reiseberichte
III Zu Wim Wenders
IV Film und Kindheit
V Mitschüler/Schulen
VI Germanistisches

GESTALTEN  DES  VERGESSENS. BIOGRAPHISCHE STIMMIGKEIT

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------


Wenn überhaupt, dann könnte man für solch banale Gedächtnisinhalte die seit der elektronischen Da­ten­ver­ar­bei­tung besonders beliebte Metapher von einer „Speicherung” gelten lassen. Erinnerung aber ist al­les an­de­re als ein Ab­ru­fen von Gespeichertem. Schon der gegenwärtige retrospektive Akt des Sicherin­nerns ver­läuft durch­weg als Such­vor­gang, als tastendes oder auch kombinato­risches Sichvergewissern; und trifft dann im letz­ten auf die struk­tu­rel­le, un­merklich über lange Zeit hin nichtbewußt verlaufende Er­in­ne­rungs­bil­dung, de­ren ge­wal­ti­ges schöpferisches Potential hier zu dokumentieren war.
   Läßt sich aber nicht da von einer Zeitspeicherung sprechen, wo eine Erinne­rungsszene noch so andrängend vor ei­nem steht, daß in ihr das damalige Er­lebnis wie konserviert erscheint? Dies gilt vor allem für akustisch auf­fäl­li­ge Sze­nen, sei es, daß ein Zuruf wie der Einkaufsruf meiner Großmutter oder eine Anrede in fremder Spra­che noch im­mer in mir nach­klingen, sei es, daß damals alles betont leise oder stumm ablief wie bei der na­he­zu geflüsterten Verabredung mit jeman­dem beim Versteckspiel. Die magische Präsenz dieser Szenen ver­dankt sich ei­nem Offenheitsgefühl, das den damaligen Momenten aber selber schon an­gehör­te, indem ich voll Er­war­tung war, aus un­ter­schied­li­chen Gründen ganz Ohr zu sein hatte. Zudem zeigt gerade der noch wie un­er­le­dig­te Ein­kaufs­ruf, daß der da­malige Zeitmoment nicht „gespeichert”, sondern trans­for­miert wurde, in­dem der Zu­ruf mei­ner Groß­mut­ter insgeheim in einen Appell an ihr Andenken verwan­delt wurde. Ein die Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart trans­zen­die­ren­der Moment wie der Aufforderungsruf meiner Klas­sen­ka­me­ra­din­nen aus der Grund­schu­le, die im­mer noch auf die Erfüllung meiner Mission dringen („Der Kai­ser schickt sei­ne Sol­da­ten aus,/ Er schickt den Horst zum Tor hinaus”).


Die Metapher vom Erinnerungs- oder gar Zeitspeicher ist trügerisch, sugge­riert sie doch in hohem Maße Ver­läß­lich­keit, Stabilität und Unwandelbarkeit. Für die ausdauernde lebensgeschichtliche Erinnerung jedenfalls wä­ren an­de­re Bil­der zu suchen: Vergegenwärtigt man sich, wie ungleichmäßig und oft un­kal­kulierbar die Zei­ten­ab­stän­de zwi­schen den erinnerbaren Lebensmomenten sind und was nicht alles dabei nur mutmaßlich zu re­kon­stru­ie­ren ist oder sche­men­haft im Hintergrund bleiben muß, kann einem dieses schwindelerre­gende, über rie­si­ge Lü­cken hin­weg­füh­ren­de Un­ternehmen im Blick zurück wie ein Ritt über den Bodensee vorkommen. Aber noch die­ses Bild wird zu sehr von dem heil­fro­hen Nachgefühl der glücklichen Rettung und endlichen Si­cher­heit be­herrscht. Um­fas­sen­der und tie­fer wäre das – seit der Kindheit mich begleitende – Sinnbild der Odys­see, das über dem Ziel den Le­bens­weg nicht ver­gißt, die Serie der Irrungen, Niederlagen und den Verlust der Ge­fähr­ten auch durch die lan­ge un­will­kür­li­che Erinnerungsbildung; und im übrigen of­fen bleibt für den Ne­ben­my­thos, wo­nach der Heim­gekehrte zuletzt wieder zu neuer großer Entdeckungsfahrt aufbricht.

   Muß aber nicht derjenige, der die Verläßlichkeit der Erinnerungen so skep­tisch beurteilt, sich zugleich auch von der Nachweisbarkeit einer folgerechten persönlichen Entwicklung verabschieden? Nun, selbst ein solcher


Zurück                                                            - 44 -

Weiter
Top
http://www.fleig-fleig.de/