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HORST FLEIG



ZUR SELBSTÜBERSCHREITUNG ODER SELBSTABSCHAFFUNG DES MENSCHEN


Philosophische Anthropologie seit Pico della Mirandola


(Textversion vom 9.2.10
Überarbeitung der Online-Version von 2009)


Vorwort


Diese Studie knüpft an meine Bücher und Essays zu „gegenzeitigen” Schriftstel­lern an, die sich ihrer Zeit und da­mit wo­mög­lich auch jeder weiteren Überliefe­rung versagten. So zeigte sich in etlichen Ro­ma­nen von Theo­dor Fon­ta­ne und in Au­gust Klin­ge­manns Nacht­wachen von Bo­na­ven­tura (1804) eben­so wie beim al­ten Goe­the ei­ne aus­geprägte Nei­gung, das ei­ge­ne Werk oder wesentliche Dimen­sio­nen eines Werkes den Zeitge­nos­sen vor­zu­ent­hal­ten oder nur in ver­schlüs­sel­ter Form vor­zule­gen. Die­­se faszinierende Geisteshaltung und die ent­spre­chen­den Werk­di­mensionen dür­fen als „ge­gen­zei­tig” be­zeich­net werden, da sie über ver­traute Be­grif­fe wie „un­zeit­ge­mäß”, „unzeitig” oder auch die Re­de­wei­se von ei­nem mehr oder minder verborgenen „Sub­text” weit hin­aus­füh­ren. Ließen es doch die­­se Au­toren of­fen­bar dar­auf an­kom­men, sich mit ihren kühn­sten Wer­ken oder an­stö­ßig­sten Werk­schichten nicht nur „ihrer” Zeit zu ent­zie­hen, son­­dern mit ih­nen viel­leicht über­haupt aus der Über­lie­fe­rungsgeschichte zu fallen.

   Nun hat sich die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen einer Ab­sa­ge an die Über­liefe­rung in jüngerer Zeit ra­di­ka­li­siert. Nicht länger geht es nur um das in­dividuelle Herausfallen aus der Tradition, vielmehr zeich­net sich ein kol­lek­tiv orga­nisierter und wo­möglich irrever­sibler Bruch mit der – ohnehin prekären – Kontinuität mensch­li­cher Kul­tur und Ge­schich­te ab, ja mit der Verfassung des Menschen selbst. Was bislang für die Le­bens­pra­xis noch nicht ernst zu neh­mende Phantas­men vor allem der mit­un­ter blitzgeschei­ten, auch phi­lo­so­phisch be­schla­ge­nen Science-Fic­tion-Li­te­ra­ten wa­ren,1 ist mittlerweile über eine Reihe von Schlag­wör­tern wie Trans­hu­ma­nis­mus und Ex­tro­pie, Cy­ber­space und -future, bio­di­gi­ta­le oder vir­tu­elle Gesellschaft, Prä­im­plan­ta­ti­ons-Op­ti­mie­rung (PIO) oder Steu­erung der Te­lo­me­ra­se einer breiteren Öffentlichkeit zu Ohren ge­kom­men. Das heißt, bei uns in Deutsch­land, vor allem durch die Kassandrarufe von Journali­sten wie Tho­mas Ass­heu­er,

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1 Zu ihrem Vordenker Stanislaw Lem vgl. Bernd Gräfrath, Es fällt nicht leicht, ein Gott zu sein. Ethik für Wel­ten­schöpfer von Leibniz bis Lem (München 1998), S. 175-234
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