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LITERARISCHER VAMPIRISMUS. KLINGEMANNS NACHTWACHEN. VON BONAVENTURA 

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Cam­pe führt un­ter »Warg­en­gel« ausschließlich den Neuntöter auf, der heute meist als »Würger« be­zeich­net wird; sei­ne Spezialität, die lebende Beute als Vorrat auf Dornen aufzuspießen, führte zu dem Glau­ben, er tö­te im­mer erst neun Tie­re vor dem Verzehr. »Würger« als Bezeichnung für den Vo­gel und den Engel war um 1800 offenbar ge­läu­fi­ger als heu­te, ein ent­spre­chendes Wortspiel Jean Pauls wird im »Deut­schen Wör­ter­buch« ver­zeich­net.120 Merk­wür­dig nun, wie nicht nur der Warg- oder Würg­en­gel in ver­schie­de­nen Stel­len des Al­ten Testaments als Verbreiter der Pest be­kannt wur­de,121 son­dern nach dem »Hand­buch des deut­schen Aber­glau­bens« auch der Name »Neun­tö­ter« in Pest­ge­ruch kam: »Neun­tö­ter sind Kin­der, die mit Zäh­nen oder mit einer doppelten Reihe von Zähnen ge­bo­ren wer­den. Sie ster­ben bald und ho­len ih­re näch­sten 9 Ver­wandten nach und verursachen Pest, wenn man ihnen nicht den Kopf ab­schnei­det.«122 Das steht so un­ter dem Stich­wort »Nach­zeh­rer«, einem Wie­der­gän­ger oder Vam­pir in vie­ler­lei Ge­stal­tun­gen; als Ab­wehr­mit­tel gegen den »dä­mo­ni­schen To­ten (Neun­tö­ter), der sei­ne An­ge­hö­ri­gen nach sich ins Grab zieht und ver­schlingt«, war vor­züg­lich das Ab­tren­nen des Kop­fes oder das Durch­stoßen des Leichnams emp­foh­len. Und in Klin­ge­manns Va­ter­stadt sprach man nicht bloß von der­glei­chen, wie aus der Schrift (1751) des Braun­schwei­ger Pre­di­gers Wei­ten­kampf gegen die »al­ten Müt­ter­gen« her­vor­geht, »welche uns man­ches von dem Blut­sau­gen und Schma­cken der Tod­ten etc. zu er­zäh­len pfle­gen«,123 man han­del­te auch da­nach: »In Braun­schweig (18. Jh.) pflöck­te ein Bau­er ei­nem To­ten ei­nen Stock durch Zun­ge und Mund, weil er fürch­te­te, nach­ge­zo­gen zu wer­den.«124

   Noch einmal, dies Flügelwerk ist hier nicht als biographisches Beweisstück anzusehen, sondern nur als frühester mög­li­cher Anhaltspunkt für die eminente Rolle, die der Komplex des Wiedergängers, des lebendigen Leich­nams, des wöl­fi­schen »Wür­gers« und über­haupt des vam­pi­ri­sti­schen Treibens in Klingemanns Werk spielt. Ver­ges­sen sei da­bei auch nicht, daß ein solch ab­ge­löstes kopfloses Flügelpaar in der 8. Nachtwache von Ho­garth her auf Kreuz­gangs Dich­ter, der sich er­hän­gen muß, über­tra­gen wurde. Und was die Pest be­trifft, so könn­te auch das harm­lo­se­re Wap­pen der Zwie­bel ei­nen auf­merk­sa­men Betrach­ter frü­her oder später in diese Richtung geführt haben, denn wie der verwandte aus Vam­pir-

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120  Deutsches Wörterbuch, a.a.O., s v Würger     121  ebd., s v Würgengel 

122  Bächtold-Stäubli, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (Berlin u. Leipzig 1927ff.), Bd. VI, Sp. 813f.    

123 Stefan Hock, Die Vampyrsagen und ihre Verwertung in der deutschen Literatur (Berlin 1900), S. 51  124 Bäch­told-Stäubli, a.a.O., Sp. 815f.

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