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RUTH FLEIGS GALERIE
Schulkinder malen
Bilderbuch Rob. Rabe
Kritzel-Kratzel
HORST FLEIGS TEXTE:
I  Philosophica
II  Reiseberichte
III Zu Wim Wenders
IV Film und Kindheit
V Mitschüler/Schulen
Alt-Walsum 1951-53
OB-Holten 1953-55
OB-Sterkrade 1955-65
VI Germanistica


Lektüre in der Sekunda oder Prima


1996, beim Wiederlesen von Wilders Stück, kann ich nicht mehr aus­ein­an­der­hal­ten, inwieweit die bald in mir auf­stei­gen­de Me­lan­cho­lie mich schon damals ergriff, als ich etwa von den morgendlichen Vor­be­rei­tun­gen auf den Schul­tag las, oder erst jetzt, in der Er­in­ne­rung an die Schultage, an denen wir dies lasen. Und würde den klei­nen Fin­ger da­für hingeben, könn­te ich ei­ner sol­chen Stunde in meiner Er­in­ne­rungs­be­schrei­bung so bewußt fol­gen, wie es die bei der Ge­burt ihres Kin­des ver­stor­bene Emi­ly bei Wil­der ver­mag, als sie auf einen Tag, den ihres 12. Ge­burts­tags, zu­rück­keh­ren darf. Sie hält es kaum ei­ne Stun­de lang aus, da sie al­les zugleich aus der schon durch­leb­ten Zukunft her erblickt und um so schärfer die Gleich­gül­tig­keit der Le­ben­den ge­gen die Ge­gen­wart und ge­gen­ein­an­der erkennen muß. Doch ist dies nicht im Grun­de auch die zeit­lich ge­bro­che­ne Per­spek­ti­ve des­sen, der sich erinnert?

   Schon in der Erinnerung also, noch diesseits des Standpunkts christ­li­cher Verheißung, kommt das Skandalon in den Blick, wel­ches Th. Wil­der wie auch offenbar meinen Englischlehrer umtrieb. Es ist dies nämlich die Sterb­lich­keit des Men­schen und der zu­sätz­li­che Ver­rat an der Gegenwart im Namen der Zukunft. Und nur in der Er­in­ne­rung läßt sich einiges von dem Ver­säum­ten wie­der­gut­ma­chen, so vielleicht meine häufige Ab­we­sen­heit vom Un­ter­richt durch die­se kleinen Por­träts der Leh­rer, de­nen ich weit mehr ver­dan­ke, als ich damals ahnte. Wo­bei mir jetzt erst auf­ge­gan­gen ist, daß Mac­beths Mo­no­log über das Le­ben („... sig­nif­ying noth­ing”) die an­geb­lich ni­hi­li­sti­sche Klage des von mir verehrten und dann iden­ti­fi­zier­ten deut­schen Schrift­stel­lers ‚Bo­na­ven­tu­ra’ (1804) vor­bereitete, daß näm­lich mit dem Tod jedesmal eine ei­ge­ne Welt un­ter­ge­he. Weshalb die eng­li­sche Wen­dung „learn­ing by heart”, die wir als Aufforderung so oft aus dem Mun­de von Herrn Dr. Bör­gers vernahmen, im Fal­le je­nes Mo­no­logs kei­ne blo­ße Phra­se blieb, sondern über Bo­na­ven­tu­ras To­ten­kla­ge mit den An­stoß zu der vor­lie­gen­den Er­in­ne­rungs­ar­beit gab.


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