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V Mitschüler/Schulen
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OB-Holten 1953-55
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VI Germanistisches


„Anzeigen” in der ‘Bierzeitung’ zur Mittleren Reife (1962)


meinen Helfer noch recht­zeitig auf einen solchen Feh­ler aufmerksam machen. Bei englischen und französischen Nacherzählungen versteht es sich von selbst, daß ich be­stimmte Si­tu­a­ti­o­nen oder Beschreibungen, die mein Nachbar detaillierter in Erinnerung behalten hat, in ei­ge­ner For­mu­lie­rung vor­tra­ge. Mein Helfer soll nichts riskieren. So ist denn auch seine Mithilfe eher passiver Natur, indem er ein Blatt sei­ner Rein­schrift oder sei­nes Kon­zepts le­dig­lich so ab­legt, daß ich es einige Zeit lang einsehen kann. Meist ist es nur ein Teil der Ar­beit, aber das ge­nügt schon, um eine aus­rei­chen­de No­te zu erhalten oder mich bloß zu vergewissern, daß auch er ei­ne ob­sku­re Stel­le so ähnlich wie ich aufgefaßt hat. Alles läuft denk­bar dis­kret ab, nichts wird von Hand zu Hand ge­ge­ben, kei­ne Re­sul­ta­te werden zugeflüstert, allenfalls mache ich einmal leise auf eine be­stimm­te Auf­ga­be oder Zu­satz­fra­ge auf­merk­sam. Aber nur ja nicht hei­schend oder flehentlich, wie ich es bei manch anderem beobachten konn­te.

So war selbst dieses Delikt, das in der Mittelstufe schätzungsweise von einem Drittel der Schüler permanent begangen und uns von ei­ni­gen Leh­rern als ab­scheuliches Vergehen hingestellt wurde, durch ein Ethos der Rücksichtnahme und Selbstachtung überformt. Auch ging mir im Lauf der Schul­zeit auf, daß wir mit unseren individuellen Betrugsmanövern den größeren institutionellen Betrug wett­zu­ma­chen hat­ten, der darin bestand, daß an­dere Schüler systematisch von Eltern und bezahlten Helfern, unter denen sich Stu­di­en­rä­te aus der ei­ge­nen Klasse befanden, nach Kräften ge­för­dert wur­den, während unsereins, nicht einmal mit allen Büchern ver­se­hen und aus­drück­lich nur auf Widerruf an einer höheren Schule, sich al­lein durch­zu­schla­gen hatte. Was vor allem deshalb so schwer­fiel, weil uns an die­sem Gym­na­si­um der Sinn fürs Lernen nicht geweckt wurde und so lan­ge, un­ge­fähr bis zur „Mittleren Rei­fe“, über tau­sen­de von Un­ter­richts­stun­den hin, beinahe nur das stumpfe versklavende „Pauken” oder Aus­wen­dig­ler­nen galt. Al­so bloß kei­ne Ge­wis­sens­bis­se Jahrzehnte später! Wir betrogenen Betrüger waren vielmehr tüchtige Pragmatiker und borg­ten uns das Nö­ti­ge von Ban­knachbarn, die ja ih­rer­seits von unserem Schulsystem, das solche Begünstigungen und Benachteiligungen för­der­te, recht gut pro­fi­tiert hat­ten.

 

Im Frühjahr 1962 erhalten wir die mit dem Abschluß der Untersekunda verbundene, keine spezielle Prüfung erfordernde Mitt­le­re Rei­fe”. Mit ihr ver­läßt uns ein Großteil der Mitschüler; einige wechseln auf ein anderes Gymnasium über, die mei­sten aber er­ler­nen ei­nen Beruf.

Zu den letzteren sollte auch ich gehören und machte auf Geheiß meiner Eltern bei Thyssen in Duisburg-Hamborn einen Eig­nungs­test als „In­du­strie­kauf­mann” mit. Bei der Schlußbesprechung wurde ihnen jedoch geraten, mich besser bis zum Abitur wei­ter­ma­chen zu lassen, da ich ei­gent­lich ein ganz pas­sables Zeugnis hätte. Wer weiß, was man bei diesem Test glaubte her­aus­ge­funden zu ha­ben, ich jedenfalls spielte dabei von ei­nem be­stimm­ten Mo­ment an nicht mehr recht mit.

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